Wenn Babys musizieren

von Anne Klesse

Im hinteren Teil der Hebammenpraxis, einmal über den Hof und rechts rein in einen Raum mit hellem Holzparkett, ist Gesang zu hören. Auch hier sitzt ein knappes Dutzend Frauen im Kreis zusammen mit Babys auf Yogamatten. Doch die Kinder sind angezogen und schon etwas älter als bei der Babymassage, im Schnitt etwa zehn bis zwölf Monate alt.

Der Sitzkreis ist ausgerichtet auf Kursleiterin Julia Kny. Die 38-Jährige hat gerade die neue Gruppe ihres Kurses „Babymusik“ begrüßt und erkennt viele bekannte Gesichter. Trotzdem erklärt sie noch einmal: „Es gibt in diesem Kurs kein Richtig oder Falsch! Hier geht es nicht darum, wer am schönsten singt oder welches Kind den Takt richtig schlägt. Wir wollen den Kindern die Freude an Musik vermitteln, es geht also nur um den Spaß, okay?“ Sie lacht. Die Frauen nicken ihr zu.

Der Beginn der Stunde ist immer gleich: Die Kinder sitzen auf dem Schoß der Mütter und werden einzeln mit dem „Winke-Lied“ begrüßt: „Winke, winke, winke – winke: Guten Tag! Guten Tag Carl, guten Tag Vincent, guten Tag Ella…“ Beim nächsten Lied, Julia Kny nennt es das „Maccaronilied“, reiten die Kinder auf dem Schoß: „Ich hab ein kleines Pony, sein Name ist Maccaroni…“ Die Kursleiterin singt laut und deutlich, sucht den Blick der Teilnehmerinnen. Die singen eher zaghaft.

Die Scheu geht schnell verloren

„Das legt sich meist schnell“, weiß Julia Kny. Seit einem Jahr bietet sie die musikalische Früherziehung im Hebammenladen an, davor schon in anderen Einrichtungen. Sie selbst macht schon ihr ganzes Leben lang Musik und studierte Komposition am Royal College of Music in London. Nach sechs Jahren in Großbritannien und mit einem Master in Filmkomposition in der Tasche kehrte sie zurück in ihre Heimatstadt Berlin und arbeitet seither freiberuflich für Film und Theater, macht Bühnenmusik und Sounddesign für Choreografien. 2010 wurde sie selbst Mutter und hatte das Gefühl, mit Familie einen „Stabilisator“ zu brauchen, wie sie es nennt. Also erwarb sie am Institut für elementare Musiklehre in Mainz eine Lizenz zur Musikgarten-Lehrkraft und erarbeitete eigene Programme für den Elementarbereich.

Nach dem zweiten Lied sitzt kaum noch ein Kind still. Die meisten krabbeln oder laufen herum, zubbeln an bunten Tüchern, Kissen und Matten, erkunden Raum und Material. Die 15 Monate alten Zwillingsbrüder Willi und Carl stehen direkt vor Julia Kny und gucken gebannt zu, wie sie „Zehn kleine Krabbelfinger“ singt und mit Gesten vormacht.

„Sobald die beiden Musik hören, tanzen sie und freuen sich – selbst im Supermarkt wippen sie mit der Hintergrundmusik“, erzählt Zwillingsmutter Silke, 41. Sie habe auch Pekip und Kinderturnen ausprobiert, „das war aber nicht so unser Ding, zu wuselig“. Zum Babyschwimmen wäre sie gern noch gegangen, das sei aber allein mit Zwillingen nicht machbar.

Die Kursleiterin holt einen Korb mit Rasseleiern und Glöckchen – das Highlight für die Kleinen. In jeder Stunde bekommen sie zwei Instrumente zum Ausprobieren. Julia Kny hat Trommeln, Rasseln, Glöckchen, Klanghölzer im Angebot. Willi, Carl und die anderen Kids drängen zu dem Korb, probieren aus und staunen über die Geräusche, die sie erzeugen.

Freundschaften entstehen

„Die Glöckchen sind aus Messing, der Griff aus unbehandeltem Buchenholz – sie sind also unbedenklich und können ruhig in den Mund genommen werden“, ruft Julia Kny in die Runde. Man weiß ja nie. Prenzlauer-Berg-Eltern haben den Ruf, alles ganz genau zu nehmen: Spielzeug aus Fair Trade, das Essen ausschließlich Bio, Mehrsprachigkeit von Geburt an. Klischee oder Realität? Julia Kny winkt ab. „Ich habe hier noch keine Übermuttis kennengelernt. Hier sind alle ganz entspannt.“

Die anwesenden Mütter haben sich zurückgelehnt und lassen die Kinder spielen. Hier und da wird sich schon zum anschließenden Kaffee oder Spaziergang verabredet. Denn auch darum geht es hier: Kontakte zu knüpfen.

Die 36-jährige Mexikanerin Luz ist wie Zwillingsmutter Silke schon zum zweiten Mal dabei, ihre zehn Monate alte Tochter Ina Victoria schüttelt jauchzend eines der Glöckchen. „Ich kenne nicht so viele deutsche Kinderlieder“, sagt Luz. „Mir ist es aber wichtig, mit meiner Tochter zu singen. Und hier, gemeinsam mit anderen, macht es uns beiden Spaß. Nebenbei lernt sie Spielkameraden kennen – und auch ich habe schon neue Freundschaften geschlossen.“ Da fast alle Teilnehmerinnen im Kiez wohnen, trifft man sich auch mal zufällig auf der Straße und auf Spielplätzen wieder.

Die Lieder eignen sich auch für zuhause

Dass ihr Kurs auch dem Austausch zwischen den Erwachsenen dient, gehört für Julia Kny dazu. Wenn die Schwätzchen allerdings überhand nehmen, räuspert sie sich, um die Aufmerksamkeit zurück zu bekommen. Dann lachen alle und stimmen das nächste Lied an.

„Mir geht es darum, die Eltern anzuleiten, die Lieder, Spiele und Ideen mit nach Hause zu nehmen und dort weiter zu nutzen“, sagt sie. „Die Kinder sollen erste Erfahrungen mit Musik und mit Rhythmus machen, ihre Stimme ausprobieren.“ Um die Musik begreifbar zu machen, verbindet Julia Kny sie mit Geschichten, die Töne mit Farben. Zehn Termine „Babymusik“ für Kinder von sechs bis 18 Monaten kosten bei ihr 100 Euro.

Beim Abschiedslied steigt noch einmal die Konzentration. Jedes Kind wird mit Namen verabschiedet. Julia Kny packt Instrumente und Tücher zusammen, die Teilnehmerinnen helfen beim Aufräumen. Die Arbeit mit den kleinen Kindern mache sie glücklich, sagt Julia Kny. Zwillingsmutter Silke bedankt sich noch: „Ich entdecke gerade selbst die Freude an der Musik neu!“

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